Der Rücktritt Margot Käßmanns von ihren kirchlichen Ämtern

Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 25.02.2010


Nach dieser provokanten Überschrift könnten unbefangene Leser meinen, wir seien froh über den Rücktritt der hannoverschen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Das Gegenteil ist richtig, denn ihr Abgang ist ein schwerer Verlust für die Evangelische Kirche in Deutschland. Das Beglückende in diesem Jammer aber ist, dass es Margot Käßmann gelungen ist, in der Art, wie sie mit ihrer menschlichen Verfehlung umgegangen ist, ein einsames, ein leuchtendes Vorbild zu sein.

 

Margot Käßmann hatte und hat alle Eigenschaften, die die Evangelische Kirche in diesem pluralistischen und letztlich glaubensfernen Zeiten dringend braucht: Fest im undogmatischen christlichen Glauben verwurzelt, sprachmächtig, weltzugewandt und –erfahren, menschen-und medienzugewandt sowie außerordentlich intelligent und hochgebildet, Mutter vierer Töchter und auch erfahren in dem, was einer reifen Frau alles zustoßen kann wie eine Brustkrebsoperation und –behandlung und eine Scheidung nach vielen Jahren Ehe.

Diese Frau hat alles sublimiert und auf eine geistig–theologische Ebene gehoben, die andere neidisch macht bzw. machen sollte.

 

Natürlich hat sie nicht nur Zustimmung erfahren – das wusste sie auch und nahm dieses in Kauf, weil sie einen hohen moralischen Anspruch an die Gesellschaft und – wie wir sehen  - auch an sich hatte und hat. Ihre berühmte Afghanistan – Predigt war vorsichtig gesagt - nicht nur einfach „problematisch“. Aber: Auch ihre Gegner – und die hatte sie zweifellos - werden durchaus zwischen dieser speziellen Ansicht der überzeugten Christin sowie dem Wirken der Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden zu unterscheiden gewusst haben.

Letztlich haben sie Margot Käßmann getragen – und hätten sie auch nach dieser Verfehlung getan, wenn sie es so gewollt hätte.

 

Aber sie hat es nicht gewollt, weil sie – und das ist so selten, dass man diese Frau nur bewundern kann – mit Recht meinte, sie müsse zunächst einmal selbst ihren hohen Anspruch an die Menschen, an die Gesellschaft und letztlich auch an den Staat als Margot Käßmann  erfüllen. Sie ist deshalb zurückgetreten, weil sie meinte, nach dieser Verfehlung die dafür notwendige Glaubwürdigkeit eingebüßt zu haben. Sie will zukünftig weiter als einfache evangelische Pastorin arbeiten.

Ihre Person und zusätzlich ihre persönlichen Erfahrungen, die sie sicher in ihre zukünftige Arbeit einbringen wird, werden ihre Verkündung des Evangeliums in Zukunft in besonderer Weise bereichern.

 

Sie hat – angesichts der weit verbreiteten Heuchelei und angesichts der so hohen Bereitschaft in unserer Gesellschaft (und nicht nur dort), auf moralische und christliche Werte zu pfeifen – ein wahrhaft christliches Zeugnis abgelegt.

Sie hat alles getan, was von einem wahren Christenmenschen angesichts ihres schweren Fehlers, der Alkoholfahrt, in Idealfall zu wünschen ist. Sie hat bekannt und sie hat gebüßt und sie hat mit keiner Silbe darum herum geredet.

Sie war schon vorher christlich und glaubwürdig und sie ist es jetzt noch viel mehr.

 

Ihr Beispiel ist angesichts des Versagens der moralischen Autoritäten so großartig und – leider – so selten. Viele Christen hätten es gern gesehen und sehen es weiter so, wenn auch die katholische  Kirche angesichts der vielen Verfehlungen von Menschen in ihrem Bereich, für die sie verantwortlich ist, sich nicht nur faktisch sondern auch sprachlich anders verhalten hätte.

Und wenn man die anderen Lebensbereiche ansieht: Die Politik mit den Westerwelles, den Rüttgers, den Linken, den Grünen und den Sozialdemokraten – aber auch der „Christlichen“ Demokraten usw....

Das ist doch zum Kotzen!

Oder nehmen wir die Wirtschaft mit den gierigen, verantwortungs- und gewissenlosen Bankern, werfen wir einen Blick auf die vielen kurzsichtigen dummen und rücksichtslosen Unternehmensleiter, auf die Sozialbetrüger und – Schmarotzer mit deutschem oder ausländischen Pass usw. usw.

Aber auch auf der anderen, der Gewerkschaftsseite sieht es nicht besser aus oder: Kann man die Forderung der „Gewerkschaft Ver.di“ oder der „Vereinigung Cockpit“ der Lokomotivführer „Gewerkschaft“ verantwortungsvoll, rücksichtsvoll und an dem Interesse unseres Gemeinwesens orientiert interpretieren ?

Und, und, und.....

 

Frau Käßmann hat sich mit einfachen, klaren Worten bekannt. Angesichts der moralischen Wüste hier können wir ihr nur danken, obgleich wir wünschen, diese Alkoholfahrt und die Folgen wären nie geschehen.

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 17. April 2011 um 08:49 Uhr