| Energie für tausend Jahre |
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Eine Nachricht aus den USA erregt den deutschen Studienratsstammtisch. Bill Gates will sein Vermögen zur Entwicklung kleiner dezentraler Kernreaktoren einsetzen, die das Potential haben, viele der heute noch bestehenden Probleme bei der Nutzung der Kernenergie zu lösen. Teufelswerk, findet der gelernte SPIEGEL-Leser, typisch ungebildetes amerikanisches Cowboytum und als ob Bill Gates mit der Erfindung der Computer nicht schon genug Unheil über die Welt gebracht hätte. Empört fordert man vom SPIEGEL, in Zukunft doch wieder gewohnt tendenziell informiert zu werden. Grund der neuesten Weltuntergangsphantasien der Atomophoben ist der Bericht über Forschungen zum Laufwellenreaktor in den USA: Wenn es um klimafreundliche Energieerzeugung geht, kennt Bill Gates keine Tabus: Mit den Milliarden, die er als Microsoft-Gründer verdient hat, unterstützt er unter anderem die Erforschung der Kernenergie. Die von ihm mitfinanzierte Firma Terrapower untersucht derzeit gemeinsam mit Toshiba den Bau von Mini-Atomkraftwerken. Die beiden Seiten befänden sich in Gesprächen über das Projekt, bestätigte Toshiba an diesem Dienstag einen Bericht der Wirtschaftszeitung “Nikkei”. Terrapower will einen Reaktor zur Serienreife bringen, der angeblich die Energieprobleme der Welt lösen soll. Der sogenannte Traveling Wave Reactor (zu deutsch Laufwellenreaktor) soll jahrzehntelang mit einer Ladung Brennelemente auskommen und kaum Wartung benötigen. Damit würde sich die Frage erübrigen, wohin mit den alten Brennstäben. Gegenüber bisherigen Atomkraftwerken soll der neue Typ zudem kompakter und sicherer sein. Das Konzept des Mini-Meilers zum Eingraben ist freilich nicht neu. Schon in den fünfziger Jahren wurden in Russland und den USA solche Reaktoren gebaut, um abgelegene Gebiete mit Energie zu versorgen. Die Technik basierte auf Reaktoren für Atom-U-Boote. Jahrzehntelang Strom mit geringer Uranmenge Das Prinzip des Laufwellenreaktors klingt bestechend: Er braucht nur eine geringe Menge angereicherten Urans und kann ansonsten mit abgereichertem oder natürlich vorkommendem Uran betrieben werden. Beides ist reichlich vorhanden. Während des Betriebs wandert die Kernspaltungszone langsam durch den Brennstoffkern und verwandelt das abgereicherte Uran in Plutonium-239, das dann in seinem Inneren sofort wieder zur Energiegewinnung genutzt wird. Plutonium entsteht auch in konventionellen Meilern, nur muss man es bei ihnen aus den benutzten Brennstäben herausholen. Das verlangt nicht nur nach einem äußerst aufwendigen chemischen Prozess, sondern ermöglicht auch die Verwendung des Plutoniums für Atomwaffen. Beim Laufwellenreaktor wäre das nicht möglich. Derzeit verfügen allein die USA über rund 700.000 Tonnen an abgereichertem Uran. Terrapower-Präsident John Gilleland schätzt, dass dieser Vorrat beim Einsatz in Laufwellenreaktoren eine Energiemenge im Gegenwert von 100 Billionen Dollar produzieren könnte. Das Unternehmen will außerdem berechnet haben, dass der gesamte globale Vorrat an abgereichertem Uran, würde man ihn in den neuartigen Reaktoren einsetzen, die Menschheit ein Jahrtausend lang mit Strom versorgen könnte – und zwar bei dem Pro-Kopf-Verbrauch in den USA, der bekanntlich enorm hoch ist. Reaktor existiert bisher nur in Simulationen Allerdings gibt es mit dem Laufwellenreaktor ein Problem: Es wurde noch nie einer gebaut. Auch Terrapower hat den Meiler bisher nur mit Supercomputern simuliert – das aber mit enormem Einsatz, wie das Unternehmen betont. Auf diese Weise habe man “neue Beweise dafür gefunden, dass eine Welle der Kernspaltung, die langsam durch den Brennstoffkern wandert, über einen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren kontinuierlich eine Milliarde Watt produzieren kann – ohne Anreicherung oder Wiederaufbereitung”, heißt es auf der Website der Ideenschmiede Intellectual Ventures, zu der Terrapower gehört. Dass man erst rechnet und dann baut, ist grundsätzlich bei Hochtechnologie nicht ungewöhnlich, auch wenn die Simulation etwas mehr Aufwand erfordert als bei den in Deutschland bevorzugten Windmühlen. Die Reaktionen der SPIEGEL-Leser auf die Nachricht lassen wenig Hoffnung, dass Deutschland noch einmal den energietechnologischen Anschluss an die restliche Welt finden könnte. Die Totalverblödung aus politischem Kalkül, die seit vier Jahrzehnten durch Medien und Schulen systematisch betrieben wird, zeigt Wirkung. Statt mit Sachkenntnis nimmt die Mehrheit der Deutschen nur noch mit Polemik und Aberglauben an den Diskussionen um eines der entscheidensten Zukunftsthemen der Menschheit teil. Die Kernspaltung wurde in den 30er-Jahren von den deutschen Physikern Hahn und Straßmann entdeckt.
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