Dr.Klaus Wieser, Landesverband Hamburg 18.03.2011
Wie großzügig ! Die Gewerkschaft der Lokomotivführer, etwa 34.000 Mitglieder ( Stand 2007 ) laut Wikipedia, will zunächst einmal den immer wieder verkündeten unbefristeten Streik aussetzen. Den vielen Millionen Geiseln, nämlich mehr oder weniger direkt oder indirekt allen anderen Menschen in Deutschland, kommen möglicherweise vor Rührung über eine derartige Großzügigkeit die Tränen. Denn nicht nur die direkten Nutzer des Schienenverkehrs wären von einem Streik der Lokomotivführer betroffen, sondern wie alle – mindestens indirekt.
Die GDL erklärte, dass die Deutsche Bahn ihr in der gesetzten Frist ein verbessertes und deshalb verhandlungsfähiges Angebot zugesandt habe. Der Herzenswunsch der GDL, nämlich als Tarifpartner des Staatskonzerns ernst genommen zu werden, scheint damit erfüllt worden zu sein. Zunächst einmal sind mit der Deutschen Bahn Verhandlungen über den Haustarifvertrag angesagt. Die gestressten Nutzer der Bahnen können zunächst auch deshalb aufatmen, weil bei den Privatbahnen ebenso wieder verhandelt und nicht gestreikt wird.
Natürlich sollten Lokführer ordentlich bezahlt werden und man kann im gewissen Umfang sogar der Meinung sein, dass die Bezahlung für eine vergleichbare Arbeit unabhängig von den jeweiligen Unternehmen gelten soll, das Züge auf eine vergleichbare Strecke schickt. Im Extremfall kann man es möglicherweise ebenso für erstrebenswert halten, dass bei allen Unternehmen des Schienenverkehrs gleichartige soziale Schutzbestimmungen gelten, die gleiche Anzahl von Urlaubstagen gewährt werden und ähnliches mehr.
Man kann es aber nicht akzeptieren, wenn flächendeckend gestreikt wird, weil nur die Deutsche Bahn aber nicht alle privaten Mitbewerber bestimmte Forderungen akzeptieren wollen oder wenn es nur darum geht, eine andere Gewerkschaft, die ebenso Lokführer organisiert, auszustechen. Erst Recht ist jede Streikmaßnahme unverantwortlich und sozialschädlich, wenn es hauptsächlich oder zu einem großen Teil darum geht, dass sich bestimmte Gewerkschaftsführer in Szene setzen möchten.
Es ist unbegreiflich, dass eine Mehrheit der in Geiselhaft genommenen Nutzer immer noch eine gewisse Sympathie für die Ziele der GDL hegen. Vielleicht wissen die meisten nicht, dass der Nachholbedarf dieser Gewerkschaft bei dem Entgelt und anderen Wohltaten schon aufgrund der Streiks in der Vergangenheit gestillt wurde. Und vielleicht fallen sie auch deshalb auf die Argumentation der GDL herein, weil sie nicht wissen, dass beispielsweise die Deutsche Bahn sich mit der Konkurrenzgewerkschaft zur GDL schon auf einen Branchentarifvertrag mit annähernd gleichen Löhnen geeinigt hatte. Mehr oder weniger alle Bürger sind Opfer der Willkür einer kleinen Gruppe geworden, die durch ihre Qualifikationen und Funktionen eine strategisch günstige Position im Schienenverkehr innehaben und deshalb in der Lage sind, uns alle und besonders ihre eigenen Kollegen mit anderen Arbeitsaufgaben zu erpressen.
Was haben denn die Zugbegleiter davon, dass die Lokführer am Ende eine Entgeltverbesserung bekommen, wenn sie durch den Streik erheblich mehr Beschwernisse, Arbeit oder umgekehrt gegebenenfalls sogar vorübergehend weniger Entgelt haben ?
Das Vorgehen der Lokführer entspricht doch ganz dem rücksichtslosen Egoismus von beispielsweise Piloten, die in verschiedenen Streiks sich unvergleichbare Privilegien erkämpft haben, während andere, beispielsweise das Kabinenpersonal oder die Kollegen am Ticketschalter gegebenenfalls Lohnausfälle oder mehr Arbeitsbelastung, Stress usw. hatten. Das gilt dann analog auch für andere Gruppen wie Fluglotsen, Ärzte usw.
Und in den genannten Beispielen wurden zusätzlich jeweils viele Millionen Menschen in Geiselhaft genommen, wurden unermesslich hohe volkswirtschaftliche Schäden verursacht usw.
In Großbritannien war diese Form des unsolidarischen und auf Dauer für eine Volkswirtschaft tödlichen Ellenbogengebrauches vieler verschiedener berufsständischer Fachgewerkschaften, die sich gegenseitig behinderten, zu einer "Englischen Krankheit" geworden. Erst Margret Thatcher räumte in den 80-er Jahren damit auf.
In dieser Zeit gab es in der BRD noch die Dominanz der großen Einheitsgewerkschaften und der auf große Wirtschaftsbereiche gerichteten Flächentarifverträge. Natürlich gab es damals auch hier und da kleine egoistische berufsständische Gewerkschaften und sogar den relativ großen Zusammenschluss von Angestelltengewerkschaftsverbände ( DAG ) . Aber mehr oder weniger kamen sich diese Arbeitnehmerorganisationen nicht so stark in die Quere wie jetzt. Auch auf die Gefahr hin verdächtigt zu werden, dass hier von einer "guten alten Zeit" größerer Solidarität der Gewerkschaften untereinander und der "Tarifpartnerschaft" mit den Arbeitgebern geschwärmt wird, kann mindestens festgestellt werden, dass es derartige Erscheinungen wie "Cockpit" oder "GdL" nicht gab – und erst Recht nicht derartige mit deren unsozialen Kaltschnäuzigkeit.
Am besten wäre, wenn die veröffentlichte Meinung sich kritischer mit diesen Schmarotzergewerkschaften auseinander setzte, um den Bürgern klarer vor Augen zu führen, welchen Egoismus sie in Wirklichkeit so nachsichtig beurteilen. Da kaum mit der Einsicht der Verantwortlichen zu rechnen ist, wird irgendwann wohl der Gesetzgeber gefordert sein, "Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden..." ( Artikel 9, Absatz 3 Grundgesetz ) also Gewerkschaften, zu gründen, weiter konkretisiert wird.
Natürlich wäre es viel besser, wenn die Betroffenen vernünftig und verantwortlich dieses Problem von sich aus regelten. Die Deutsche Zentrumspartei schlägt vor, dass sich diese kleinen Kadergewerkschaften in die großen DGB – Organisationen integrieren.