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Dr.Klaus Wieser, Landesverband Hamburg 16.01.2011
Recep Tayyip Erdogan hat wieder zugeschlagen:
Bei seiner Tour durch die arabischen Staaten forderte und fordert er eine türkisch – arabische Union als muslimisches Gravitationszentrum, das dann die ganze Welt gestalten solle. Die Gemeinsamkeiten, die die Grundlage für die Errichtung dieses gemeinsamen Gravitationszentrums sein sollte, sei der Islam und das gemeinsame Ringen gegen christliche Aggressoren. "Türken und Araber haben diese Gegenden gemeinsam in der Zeit der Kreuzzüge verteidigt", meinte er. Auch in späteren Epochen "haben wir gemeinsam gegen die Invasoren gekämpft!". Und dann wird von 1000 –jähriger Brüderlichkeit gefaselt und von der Notwendigkeit, diese wieder wiederzubeleben, um eine "politische, wirtschaftliche und kulturelle Union" zu werden. "Wir sind Angehörige der selben Zivilisation. Wir haben eine gemeinsame Geschichte!"
Ach wie interessant! Aber die Geschichtsklitterung ist atemberaubend.
1.Da man nicht daran glauben mag, dass Herr Erdogan so ungebildet ist, dass er die tatsächlichen geschichtlichen Fakten nicht kennt, muss man davon ausgehen, dass er bewusst orientalische Märchen erzählt hat. Bis etwa zum Jahre 622 war der Vordere Orient und Nordafrika (griechisch-) byzantinisch; Spanien wurde von den Westgoten und Sueben beherrscht und der Iran von den Sassaniden. Noch unter Mohammed eroberten die arabisch-muslimischen Heere 622 – 632 das jetzige Saudi – Arabien, den Jemen, Oman und das Gebiet der jetzigen Golfstaaten. Unter seinen direkten Nachfolgern fielen die byzantinischen Gebiete ( das jetzige ): Libyen, Ägypten, Palästina, Jordanien, Syrien, Osttürkei und Irak sowie der Herrschaftsbereich der Sassaniden ( ungefähr der jetzige Iran ) den arabisch – islamischen Angriffen 632 – 661 zum Opfer. Der Rest Nordafrikas und Spaniens / Portugals sowie das jetzige Pakistan / Nordindien wurde dann unter den Umayyaden 661 – 750 von den arabisch – islamischen Heeren erobert. Schrittweise wurde der oströmisch – griechische Kultureinfluss und das Christentum zurückgedrängt und schließlich bis auf wenige Reste ausgerottet.
Die Türken kamen sehr viel später. Sie stammten aus dem Gebiet des östlichen Zentralasiens, östlich des Altai Gebirges und wanderten nach Westen, wo sie zunächst als Og(h)usen und dann als Seldschuken in Europa bekannt wurden. Mit der Schlacht von Manzikert im Jahre 1071 begannen sie mit der Landnahme Anatoliens unter Zurückdrängung der Byzantiner. Sie hatten zwischenzeitlich den Islam angenommen und wie seinerzeit die Araber damit sozusagen eine Legitimation für die Vernichtungskriege gegen die Byzantiner – nämlich den Dschihad – gewonnen. Die Welle der Einwanderung der ogusischen Stämme, anderer türkischer Ethnien und mongolischer Elemente und verlief bis in das 15. Jahrhundert. Die 100.000 – 300.000 türkischen Einwanderer trafen auf zwei bis drei Millionen Alteingesessener. Erst im 15. Jahrhundert stellten die Türken durch massive Islamisierung und sprachlich – kulturelle Zwangsassimilierung der Einheimischen an sie als Eroberer die Mehrheit in der jetzigen Türkei.
Nach der Eroberung von Anatolien durch die Seldschuken übernahmen deren westlichster Stamm der Osmanen die Macht und eroberten ein riesiges Reich, das von Armenien bis nach Ungarn, von der südrussischen Steppe bis nach Nordafrika reichte. 1453 fiel die Hauptstadt von Byzanz, Konstantinopel ( das heutige Istanbul ), in ihre Hände. Große Teile der arabischen Halbinsel wurden ebenfalls erobert. Damit fielen bis auf wenige Ausnahmen alle Araber unter türkische Herrschaft. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie mit Hilfe der Europäer frei von der türkischen Herrschaft – zuletzt die Araber auf der arabischen Halbinsel, in Syrien, Irak usw. ( Hierzu: "Lawrence of Arabia", einem britischen Geheimdienstmann, der sich als Archäologe getarnt hatte.)
Die "Gemeinsamkeiten" zwischen Türken und Araber bestanden also Jahrhunderte lang darin, das die Türken die Herrscher und die Araber die Beherrschten waren – und zwar bis zum Ende des 1. Weltkrieges. Ob die etwas andere Interpretation der Geschichte durch Herrn Erdogan den Arabern gefallen haben mag ?
2.Die gemeinsame Abwehr aggressiver europäischer Kreuzfahrer ist vom gleichen Kaliber:Seit 638 stand Jerusalem unter muslimischer Herrschaft. Von christlicher Seite wurde die Eroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der Sarazenen als Rückeroberung und als ein Akt der Verteidigung des Christentums betrachtet, welcher durch offiziellen Beistand und die Unterstützung der Kirche bekräftigt und angeführt wurde.
Dem Ersten Kreuzzug war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers um militärische Unterstützung gegen die Seldschuken vorausgegangen.Dies löste den Aufruf Papst Urbans II 1095 aus, der zur Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes aus der Hand der Muslime aufforderte, und zwar mehr als acht Jahrzehnte, nachdem es 1009 zur Zerstörung der Grabeskirche gekommen war, eines der größten Heiligtümer des Christentums.
Zwar haben sich die Europäer im Heiligen Land – hier besonders die französischen Kreuzfahrer – keinesfalls als würdige Vertreter unserer Religion erwiesen und die Kreuzzüge degenerierten zu blutigen Eroberungskriegen, jedoch müsste sogar eine rein türkisch – arabische Sicht die historische Wahrheit entsprechend berücksichtigen. Soweit die historischen Fakten zu den Märchen des Herrn Erdogan.
3.Es sollte aber auch zur Sprache kommen, dass Herr Erdogan, viele Mitläufer und Unterstützer ( auch in Europa ) immer wieder betonten und betonen, dass die Türkei zu Europa gehörte und deshalb wie gewünscht Mitglied der Europäischen Union werden müsse. Die Türkei könne dann als Teil der EU die Brücke zu der islamischen Welt schlagen. Was gilt denn nun ? Ist die Türkei Teil Europas oder der vorderasiatischen arabisch-islamischen Welt ?
4.Und schließlich:Herr Erdogan träumt von einer türkisch – arabischen Weltmacht. Wie passt das eigentlich zu unseren Vorstellungen von der EU, einer europäischen Friedenszone gleichberechtigter Staaten als Partner, die auf gemeinsamen Werten gegründet ist ? Wollen wir ein unbedeutender, sich schrittweise islamisierender Teil einer durch eine neu - osmanische Türkei beherrschtes Europa / Großarabien werden ?
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