60 Jahre Charta der Heimatvertriebenen und die Gedenkfeier am 05.08.2010 in Stuttgart


Dr.Klaus Wieser, Landesverband Hamburg  09.08.2010



Die Charta der Heimatvertriebenen wurde vor 60 Jahren in Stuttgart – Bad Cannstatt von 30 Vertretern der einzelnen Vertriebenen-Verbände unterzeichnet und von deren Mitgliedern bestätigt. Seither gilt sie als Grundgesetz für den Bund der Vertriebenen ( BdV).

Kurzgefasst enthält die Charta einen Aufruf zum Verzicht auf Rache und Gewalt und ein Bekenntnis zu einem einigenden Europa. Gefordert wird, das Recht auf Heimat als Menschenrecht anzuerkennen. Die Vertriebenen verpflichten sich ferner, mit „harter, unermüdlicher Arbeit“ am Wiederaufbau Deutschlands und Europas teilzunehmen.

 

Zweifellos sei mit dieser Charta nach den Aussagen der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, in ihrer Ansprache anlässlich des Festaktes ein historisches Dokument von hohem Wert geschaffen worden - ein moralisches Fundament über den Tag hinaus. Es könnte nicht hoch genug eingestuft werden, so die Präsidentin des BdV, dass diese eindeutige Absage an Revanche und Gewalt im Namen von  Millionen Vertriebene geschah, die fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch in Hunger und Elend gelebt hätten.

 Die Bedeutung der Vertriebenencharta und der Beitrag zur Versöhnung ist aus heutiger Sicht unbestritten, soweit sie von historischer Sachkunde und Objektivität getragen ist. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble urteilte im August 2006 in Stuttgart: „Die Charta war damals und ist heute noch ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Größe und Lernfähigkeit. Nicht Revanchismus, nicht Niedergeschlagenheit bestimmen die Charta, sondern der Glaube an die Zukunft, Europäertum, christliche Humanität“.

Und aus Anlass des 50. Jahrestages der Charta betonte der damalige Bundesinnenminister Schily pragmatisch die weitreichende Bedeutung der Charta, „weil sie innenpolitisch radikalen Bestrebungen den Boden entzog und außenpolitisch einen Kurs der europäischen Einigung unter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn vorbereitete.“

 

Die Reaktionen auf diesen Gedenktag waren sehr unterschiedlich. Stellvertretend zu denjenigen, die Kritik an der Charta und damit auch an dem Gedenktag äußerten, kommentierte Steinbach in ihrer Rede den Publizisten Ralph Giordano, der den damaligen Autoren vorwarf, sie hätten die Vorgeschichte der Vertreibung völlig ausgeblendet.  

Dagegen meinte Steinbach, dass man sich in ihre Zeit hineinversetzen müsse. In dieser Zeit sei diese Charta ein beeindruckender Akt der Selbstüberwindung  gewesen; man habe sich für den Weg des Friedens und des Miteinanders entschieden.

 

Außer der Kritik von Ralph Giordono ist hier noch der Vorwurf der Selbstbezogenheit von Micha Brumlik gegenüber der Charta stichhaltig, dass nämlich behauptet werde, die Heimatvertriebenen seien am schwersten betroffen, nicht die ermordeten Juden, nicht die Verfolgten in Polen und Russland und nicht die Kriegswaisen und  - witwen. Die Charta postuliere einen Verzicht auf Rache und Vergeltung - eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, denn man könne nur auf etwas verzichten, was einem rechtens zustehe. Ferner seien ein Drittel der Erstunterzeichner der Charta überzeugte Nationalsozialisten gewesen, insbesonders Funktionäre, die bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten „Volkstumskampf“ tätig gewesen seien.

Aber Brumlik weist auch darauf hin, dass zwischenzeitlich der BdV sein Anliegen modifiziert habe: Es wurde ganz ausdrücklich von diesem Verband anerkannt, dass das deutsche Vertreibungsleid nicht allein stehe; außerdem hätten die in der Charta ursprünglich nicht erwähnten Menschenrechte in das Selbstverständnis der Vertriebenenverbände Eingang gefunden habe usw. Das sei ein Verdienst Erika Steinbachs. Aber er zeigt sich trotzdem nicht ganz zufrieden und fordert eine zeitgemäße Neufassung der Charta.

Auch wenn man - rein objektiv und das übrigens wie der Verband selbst - Kritik an der Charta akzeptieren kann, wird man ihre zentralen Aussagen wegen ihrer Zeitgebundenheit als große Leistung würdigen.

 

Von ganz anderer Qualität als diese Kritik von Giordono und Brumlik sind die schrillen Töne aus den Hauptvertreibungsländern, aus Tschechien und  besonders aus Polen. Wie bisher sehen sich besonders Polen in ihrem einträglichen, selbst definierten Monopol als Opfernation ( übrigens schon seit 1848 ) bedroht. Aus Polen ist allerdings in jener Zeit weder ein vergleichbares Dokument wie die Charta noch eine entsprechende Haltung bekannt – sondern das Gegenteil. Die aus Polen herüber dringenden Diffamierungen scheinen auch für Betrachtern, die dieser Nation sehr wohlwollend gegenüber stehen, immer wieder den Verdacht zu erhärten, dass es dabei letztlich wieder um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ geht. Besonders die in Polen sehr starke konservativ-chauvinistische Bewegung ( wir haben bei den letzten Wahlen zum Staatspräsidenten wieder erleben müssen, dass deren Repräsentant Jaroslaw Kaczinski  47,3 % der Stimmen auf sich vereinigen konnte ) ist ein Sprachrohr für alle, die sich mit allen Mitteln dagegen wehren, dass in diesem Zentrum entsprechende Dokumente bewahrt und veröffentlicht werden könnten. Aus einsichtigem Grund wäre es ihnen lieber, wenn die Beweise über polnische Täter und Polens an deutschen Zivilisten während und nach dem Zweiten Weltkrieg vernichtet würden oder irgendwie unauffindbar blieben.

Entsprechend gab es – soweit die Medien darüber berichtet haben – auch keine offiziellen Vertreter Polens oder Tschechiens.

Das ist ganz besonders bedauerlich, weil sowohl der neue Staatspräsident Bronislaw Komorowsky als auch der Ministerpräsident Roland Tusk ein anderes Polen repräsentieren: Zukunftsgewandt, auf gute Nachbarschaft bedacht und letztlich sich den Werten wie Wahrheit und Humanität verpflichtet.

Vielleicht hätten sie kommen wollen, aber die Stimmung in ihrem Land ließ das nicht zu.

Schade !

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 12. April 2011 um 16:09 Uhr