Die Hintergründe der Jasminrevolution in Tunesien 2010/2011

 Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 16.05.2011

Nach der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17.12.2010 in der Stadt Sidui Bouzid, 250 km südlich von Tunis gelegen, kam es in Tunesien zu Unruhen, die sich schnell zu einer Revolution ausweiteten. Nach wochenlangen Unruhen flüchtete das tunesische Staatsoberhaupt Zine el-Abidie Ben Ali am 14. Januar 2011 nach Saudi – Arabien. Derzeit hat Parlamentspräsident Fouad Mebazaa die Amtsgeschäfte bis zur Verabschiedung einer neuen Verfassung und zu Wahlen.

Was sind die Hintergründe ? Schlagen wir einen größeren Bogen: 

Bekanntlich handelt es sich bei Tunesien um das ehemalige direkte Herrschaftsgebiet der Karthager seit ungefähr 800 vor Christi, das dann später in die Provinz Afrika des Römischen Reiches einbezogen wurde. Es war ein hoch entwickeltes Gebiet, das mit zur Kornkammer Roms gehörte. Die kulturelle und wirtschaftliche Blüte hielt auch nach dem Ende des Römischen Reiches unter der Herrschaft der Vandalen und der Byzantiner bis zum Ende unseres Mittelalters an.
Schon sehr früh war es christianisiert worden; aber nach der Eroberung durch die muslimischen Araber ab dem 7. Jahrhundert wurde es gründlich arabisiert und mit allen Mitteln islamisiert.
Heutzutage ist Tunesien relativ homogen. Fast die gesamte Bevölkerung spricht tunesisch - arabisch und ist zu 98 % sunnitisch – islamisch. Der Islam ist Staatsreligion.

Wie in angrenzenden Gebieten gab es dann bis zum 12./13.und teilweise im 14. Jahrhundert die schon genannte kulturelle Blütezeit; dann kam der Abstieg. Im 16. Jahrhundert herrschten die Osmanen, die das Land endgültig kulturell und wirtschaftlich ruinierten. Ende des 19. Jahrhunderts – genauer am 12.Mai 1881 – wurde Tunesien, das sich zwischenzeitlich schrittweise von der türkisch – osmanischen Vorherrschaft befreit hatte, ein französisches "Protektorat"/Schutzgebiet. Der Bey von Tunis musste fast seine ganze Macht an den französischen Generalresidenten abgeben.
Der Widerstand gegen die französische Fremdherrschaft begann unmittelbar nach der Eingliederung Tunesiens in das französische Kolonialreich. Es entwickelten sich politische Parteien und aufgrund der Schwächung Frankreichs durch den Zweiten Weltkrieg konnte sich die Freiheitsbewegung der Tunesier gut weiter entwickeln.
Am 20. März 1956 erkannte Frankreich die Unabhängigkeit Tunesiens an, am 25. Juli 1957 wurde die Monarchie abgeschafft und am 8. November 1959 wurde Habib Bourguiba, der große Freiheitsheld der Tunesier, zum ersten Präsidenten gewählt.
Zunächst kam es zu einer Festigung der Staatlichkeit Tunesiens und zu einer Phase politisch – wirtschaftlicher Experimente, beispielsweise zur Umwandlung des politischen Systems und eine Verstaatlichung der Wirtschaft.
Zwar wurde die Sozialisierung überwiegend rückgängig gemacht – aber letztlich blieb Tunesien eine Diktatur

Als zu Beginn der 1980iger Jahre das Land in eine gleichermaßen politische und wirtschaftliche Krise geriet, deren Ursache in Nepotismus und Korruption - letztlich verursacht durch die zunehmende Senilität des Präsidenten Bourguiba geriet -, kam es zu landesweiten Unruhen.
Am 7. November 1987 setzte dann der Ministerpräsident Zine el-Abidine Ben Ali den Präsidenten ab und schaffte es zunächst sogar, dafür die Zustimmung der Bevölkerung zu erreichen. Aber in Wirklichkeit begann alles neu: Eine Einpersonen – Herrschaft des Präsidenten Ben Ali, legitimiert durch eine Verfassungsänderung im Jahre 2002.
Danach wurde es noch schlimmer, und zwar sowohl mit der Beschneidung der politischen wie persönlichen Rechte der Tunesier wie auch mit der negativen Entwicklung der Wirtschaft.

Der Ärger der Tunesier nahm zu und richtete sich nicht nur gegen den Präsidenten sondern auch gegen die Kleptokratie der Umgebung von Ben Ali. Besonders die zahlreichen Familienmitglieder seiner Frau, die Familie Trabelsi, wurde – wohl mit Recht beschuldigt – aufgrund von politischer Einflussnahmen wichtige Unternehmen des Landes zu ihren Gunsten "privatisiert" zu haben.
Die neue Übergangsregierung hat zunächst den Privatbesitz dieser Familie unter die eigene Kontrolle genommen.

Tunesien gehört mit zu den "modernsten" arabischen Staaten.Frankreich krempelte nach der Inbesitznahme das Land gründlich nach europäischen Muster um; unter anderem wurde ein zweisprachiges Bildungssystem ( französisch – arabisch ) eingeführt. Obgleich nach der politischen Selbstständigkeit des Landes versucht wurde, das Französische zugunsten des Arabischen zurückzudrängen, darf man davon ausgehen, dass auch heute noch der größte Teil der Tunesier französisch spricht.
Gleichzeitig sind auch die modernen Kommunikationsmittel sehr verbreitet, so dass – wie bekannt – der Widerstand besonders der jungen Tunesier gegen das Regime überwiegend über das Internet organisiert wurde.

Dass der Widerstand hauptsächlich von den jungen Tunesier kam, hat ziemlich banale Ursachen: Nach der Unabhängigkeit Tunesiens kam es zu einer Bevölkerungsexplosion. Heute haben deshalb sehr viele jungen Tunesier – obgleich gut ausgebildet - keine Arbeit. Wegen der vielen Versäumnisse der Regierungen nach der Unabhängigkeit kam es nämlich zu keiner nennenswerten wirtschaftlichen Entwicklung. Nur der Tourismus – befeuert besonders durch deutsche Touristen – schuf neue Arbeitsplätze, aber viel zu wenige.
So war die Selbstverbrennung des jungen Gemüsehändlers, der durch die ortsansässigen Polizisten gedemütigt wurde, und durch die Konfiszierung seines Obststandes auch noch seine erbärmliche Lebensgrundlage verlor ( weil er nicht das übliche Schmiergeld an die Polizisten bezahlen konnte ), dann die Ursache des Aufruhrs der jungen Menschen. Sie solidarisierten sich und fegten die Kleptokraten davon.
Danach machten sie sich in klapprigen Booten auf über das Mittelmeer nach Italien, um dann in das Land ihrer Träume – nach Frankreich – zu gelangen. ( Hierzu siehe den Beitrag vom 13.04.2011.) 

Was sind das für Menschen ? Kann man sicher sein, dass es sich nicht um Islamisten handelt? 

In einer gut besuchten Veranstaltung im Völkerkundemuseum Hamburg, am 13. Mai 2011, belegte der UN Berater a.D. Taoufik Ben Amara, dass die tunesische Gesellschaft weit von einer Islamisierung entfernt ist. Das gilt im besonderen Maße für die Jugend. Die rechtliche wie tatsächliche Gleichstellung der Frau, die hohe religiöse Toleranz - auch gegenüber Christen und Juden - bis hin zur Marginalisierung des politischen Islams ist seiner Meinung nach unumkehrbar. Jegliche Vergleiche mit dem Iran und dessen kultureller Rückschritt in das Mittelalter nach Sturz des Schahs sind nicht möglich. Ben Ali hat die Islamisten radikal bekämpft.
Gerade der Tatbestand, dass diese Revolution ohne die Islamisten und seiner Meinung nach, sogar gegen ihren Willen zustande gekommen ist, bewies seiner Ansicht nach diese von den meisten anwesenden Experten unterstützten These.
Der Steinzeitislam ist demnach in diesem Raum auf dem Rückzug. 

Nun gut – sollte es wirklich so sein, kann man diese Revolution tatsächlich als einen wichtigen Einschnitt in die Geschichte der arabischen Länder sehen. Wir können nur hoffen, dass die sehr optimistischen Beurteilungen der Sachkenner nicht durch ihre zu großen Hoffnungen verzerrt wurden.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 16. Mai 2011 um 09:11 Uhr