Deutschland – schwierig für seine Nachbarn

Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 17.06.2011

Man mag sich irren, aber wenn man versucht, Deutschland durch die Brille seiner Nachbarn zu sehen, lässt sich das Resümee kaum vermeiden: Ganz schön schwierig, die Deutschen!

Natürlich ist alles relativ. Jede Nation, falls man alle Staatsbürger eines Landes wirklich noch wie in alten Zeiten als ein Kollektiv und als ein handelndes Individuum auffassen kann, ist auf die eine oder andere Art schwierig. Aber in der Vergangenheit – letztlich seit Ende des Zweiten Weltkrieges – war West- und später dann Gesamtdeutschland recht pflegeleicht. Daran haben sich unsere Nachbarn gewöhnt.
Aber zunehmend sind jetzt aus ihrer Sicht die Deutschen recht schwierig geworden. Das schätzt niemand. Und langsam beginnt der Ärger über die Deutschen zu wachsen – teilweise sogar zu Recht.

Dass viele anderen Nationen schlecht mit der Finanzkrise fertig wurden, während Deutschland aufgrund vernünftiger Arbeitsmarktinstrumente, einer hohen (erzwungenen ) Opferbereitschaft der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften sowie der Weitsicht vieler ( meistens mittelständischer ) Unternehmer eher gestärkt daraus herauskam, hat viele mit Neid erfüllt und schmerzlich an das eigene Versagen erinnert.
Aber: Wer gesteht sich schon gern die eigenen Fehler ein ? Daraus ergibt sich eine psychologisch verständliche Reaktion der anderen: Nämlich, die beneidenswerten Deutschen müssen irgendein böses Spiel betrieben haben ! Sie können doch nicht besser sein als man selbst !

In diese Kategorie gehört auch der Hinweis der französischen Finanzministerin Christine Lagarde, dass die Deutschen ihren Export und ihre Konkurrenzfähigkeit drosseln müssten, weil sie sonst die anderen EU – Staaten belasteten. Das deutsche Wachstum ginge auf Kosten anderer Euroländer und insbesondere der französischen Exportindustrie. Deutschland habe seine Lohnstückkosten - und seine Arbeitskosten insgesamt - seit gut zehn Jahren im Vergleich zu seinen Partnern gesenkt und sich dadurch auf den Exportmärkten Wettbewerbsvorteile verschafft.
Ihr wird zwischenzeitlich sicher dieser geäußerte Quatsch leid tun. Aber ihre unzensierten Bemerkungen deuten an, was wohl die anderen in Wirklichkeit von der letzten deutschen Erfolgsgeschichte halten. Und das, obgleich diese – rational betrachtet - generell für die EU günstig ist.

Problematisch wird es besonders, wenn sich deutsche Politiker - aber auch einfache Deutsche im Ausland - mit diesem Erfolg brüsten. Wenn das dazu auch noch auf eine großsprecherische Art und Weise geschieht, verletzt es das Selbstgefühl der Erfolgloseren. Dann ist die Entwicklung von Abneigung gegenüber Deutschland nicht mehr weit.

Sogar im Falle Griechenlands, dessen Regierungen in der Vergangenheit die EU – Partner betrogen haben, die sich niemals ernsthaft daran gemacht haben, den eigenen Augiasstall zu Haus auszumisten, d.h. eine vernünftige Verwaltung zu schaffen, die Korruption, Vetternwirtschaft und den Schlendrian ernsthaft anzugehen, besteht die Gefahr, dass deutsche Hilfe das Gegenteil von Dankbarkeit erzeugt.
Dass die griechische Bevölkerung mit den dauernden Streiks und den Parolen gegen den Internationalen Währungsfond, gegen die EU und Deutschland letztlich in die Hand beißt, die sie schon seit langem füttert, ist zwar unerhört. Aber der bloße Hinweis darauf, wird die Griechen eher verbiestern. Das hat sicher mit der griechischen Mentalität zu tun.
Trotzdem sollten wir Deutsche uns verkneifen, darauf häufig hinzuweisen. Auch der Hinweis auf objektiv richtige Tatbestände kann – dem anderen unter die Nase gerieben – kaum Sympathie erzeugen.
Übrigens – in anderen Himmelsgegenden würde tiefgreifende Kritik dazu führen, dass jemand "sein Gesicht verliert".
Dieser Gesichtsverlust würde in einer tödlichen Feindschaft enden.

Ferner fällt unseren Nachbarn die geballte Wucht des deutschen Gutmenschentums auf den Wecker. Wir drangsalieren uns nicht nur selbst ( oder besser: ein bestimmter Teil der Deutschen tut es gegenüber der Mehrheit ) mit unseren moralisierenden Ansprüchen – sondern: Wir fordern für die Lösung bestimmter Probleme oder nur hochgeputschter Problemchen ( "German Angst" ) immer einen ( über-)hohen Standard, egal ob im Umwelt- und Verbraucherschutz, in der Gleichstellung der Geschlechter, in den Regelungen für den Arbeitsmarkt usw.
Dass wir uns in diesen Forderungen manchmal selbst verfangen ( siehe beispielsweise die immer unerreichbareren Klimaschutzziele ) löst bei den genötigten Nachbarn nur hämisches Hohngelächter aus. Und in anderen Fällen – wie beispielsweise beim Reißen der 3 % -Verschuldungsgrenze durch Deutschland während der Regierung Schröder/Fischer - schaffen wir damit unnötigerweise Negativbeispiele, die uns bei anderer Gelegenheit mit Recht um die Ohren gehauen werden oder stillschweigend nachgeahmt werden.

Noch schlimmer müssen unsere Nachbarn die Alleingänge empfinden, obgleich doch Deutschland immer wieder gemeinsames Handeln einfordert. Beispielsweise war der Ausstieg aus der Kernenergie nicht mit unseren Nachbarn abgesprochen und wird sie – angesichts der Verwobenheit der europäischen Wirtschaft ( hier besonders der Versorgung mit Elektrizität) in Schwierigkeiten bringen. Die Reaktionen Frankreichs und Tschechiens auf den Ausstiegsbeschluss aus der Atomwirtschaft waren entsprechend – und sie sind berechtigt.
Denken wir an das dilettantische Handeln Deutschlands in der Außenpolitik ( Stichwort: Enthaltung bei der Libyen – Resolution ), die Abschaffung der Wehrpflicht, dem Vorgehen bei der gegenwärtigen Ehec – Krise usw. Wir sollten unsere Nachbarn – auch die kleinen – häufiger konsultieren und deren Interessenlage beachten.

Wenn noch eine völlige Unberechenbarkeit der deutschen Politik zu diesen Alleingängen hinzukommt, wird das Verhalten Deutschlands für seine Nachbarn nicht nur sehr beschwerlich sondern sogar gefährlich.
Bis jetzt überwiegt - Gott sei dank - noch der Humor: Frau Merkel wird spöttisch "Madame Flip Flop" genannt. Denn sie schafft es ohne Schwierigkeiten, ganz nebenbei ihre Position um 180 Grad zu wenden.
Beispielsweise sieht der letzte Stand der Diskussion um die Griechenlandhilfe nach einem dauernden Hin und Her – schon über ein Jahr lang - eine "freiwillige" Beteiligung der Banken und Versicherungen bei einer weichen Umschuldung vor. Natürlich, denn das bedeutet letztlich: Keine Beteiligung der Banken, ganz so, wie es der Herr Nikolas Sarkozy, zur Zeit französischer Präsident, schon immer wollte. Frau Merkel hat bei der Griechenlandhilfe dauernd Positionen aufgebaut und sie dann meistens Stück für Stück unter reichlicher Benutzung von Nebelkerzen geräumt.

Nebenbei: Warum nehmen wir nicht aus praktischen Gründen von vornherein die Position der französischen Regierung ein oder sehen Herrn Sarkozy als die letztendlich bestimmende Instanz an, nachdem Frau Merkel eine unverbindliche Stellungnahme dazu abgegeben hat?

In diesem Internetauftritt der Deutschen Zentrumspartei wurde in verschiedenen Beiträgen ein Lösungsvorschlag für einen vernünftigen und verantwortungsvollen Umgang mit der Griechenlandkrise gemacht, der höchstwahrscheinlich auch von unserem gemeinsamen Präsidenten Sarkozy akzeptiert würde. Dieses Konzept würde Europa Zeit schenken, damit eine vernünftige Rekonstruktion des griechischen Staates organisiert werden kann. Man muss nämlich davon ausgehen, dass das reine Sparen auf Dauer keinen Erfolg zeitigt, die Schuldenkrise zu bewältigen. Alles könnte noch schlimmer werden.

Aber hierüber mehr in einem späteren Beitrag.

Wenn Deutschland anstelle des dauernden unberechenbaren Hin und Her seinen Partnern beispielsweise dieses oder ein vergleichbares Konzept unterbreiten würde, wäre allen geholfen. Europa will Führung – und zwar von den Deutschen.

Wir Deutsche sind Weltmeister im Reisen und wir haben privat sowie beruflich sehr viele Kontakte mit dem Ausland. Wir sollten doch eigentlich wissen, wie die "anderen" ticken!!
Wir beschweren uns häufig – meistens zu Recht – über das Verhalten dieser anderen; aber wir übersehen geflissentlich unsere eigenen Fehler bzw. unser Fehlverhalten. Wir Deutsche haben ein hohes Ansehen in den meisten Teilen der Welt, was uns – nicht zuletzt wirtschaftlich – sehr hilft.

Wir sollten dieses nicht aufs Spiel setzen.

Das gilt natürlich zuerst im Umgang mit unseren nächsten Nachbarn. Wir sollten etwas weniger schwierig sein. Das hilft uns allen – und wir brechen uns keinen Zacken aus der Krone.