Wir brauchen endlich eine große, seriöse Ratingagentur in Europa

Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 10.07.2011

Was eine Ratingagentur ist, haben wir gelernt: Gemäß Wikipedia sind " (Kredit) Ratingagenturen ...private und gewinnorientierte Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit ( Bonität ) von Unternehmen aller Branchen sowie von Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften bewerten und ( das Bewertungsergebnis ) in einer Buchstabenkombination ( Ratingcode ) zusammenfassen, die in der Regel von AAA bzw. Aaa (beste Qualität ) bis D (zahlungsunfähig) reicht."

Nach der reinen Lehre sollen die Ratingagenturen als unabhängige und fachkundige Dritte im Auftrag der Investoren die Bonität ihrer Schuldner untersuchen, um herauszufinden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, das verliehene Geld zum Fälligkeitstag vollständig zurück zu bekommen und die vereinbarten Zinszahlungen pünktlich und in voller Höhe zu erhalten.

Diese Aufgabe könnten nun grundsätzlich sehr viele Unternehmen leisten. Jedoch, nur die drei amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings wurden von der US – amerikanische Börsenaufsicht seit 1975 akzeptiert, "Kapitalprodukte" zu bewerten, bevor sie auf dem US - Markt zugelassen wurden. Dadurch, dass diese eigentlich interne US-amerikanischen Bewertungsinstitute auch international eine derartige Bedeutung bekamen, lag schlicht zunächst daran, dass die USA bisher auf dem Kapitalmarkt eine führende Rolle einnahmen.
Aber es lag auch daran, dass aus Bequemlichkeit oder auch, um Kosten zu sparen, Zentral- sowie Staatsbanken, andere große institutionelle Anleger und auch Private zunehmend darauf verzichtet haben, eigene Recherchen bzw. Analysen über die Kreditwürdigkeit möglicher Schuldner anzustellen. Sie haben die Ratings dieser Instituten einfach übernommen. Ein offizielles und offiziöses Regelwerk hat dann die Ausnahmestellung dieses Oligopols in der Weltwirtschaft abgestützt.

Nun ist allzu gut bekannt, dass die Bewertung von Unternehmen und Gebietskörperschaften davon abhängig ist, welche Informationen zugrunde liegen und wie gut diese sind. Natürlich werden deshalb Schuldner versuchen, alle Informationen zurück zu halten, zu verharmlosen oder viel zu spät zugänglich zu machen, die für sie von Nachteil sein könnten. Umgekehrt werden alle möglichen Tricks angewandt, um sich selbst und die eigenen Produkte besser aussehen zu lassen, als sie sind.
Das hat bekanntlich dazu geführt, dass die Bewertungen sehr vieler "Kapitalprodukte" der US – Investmentbanken so verheerend schlecht waren, dass sie in letzter Konsequenz zu der weltweiten Finanzkrise führte. Noch kurz vor der Pleite von Lehman Brother wurde dieses Institut beispielsweise durch die Ratinginstitute mit der höchsten Bewertung ausgezeichnet.

Viele Beobachter der Szene glauben nicht (mehr) daran, dass es sich bei diesen Fehlurteilen nur um ein Versagen der Ratingagenturen gehandelt habe, sondern schlicht um Betrug - sowohl hinsichtlich der Informationen, die von dem zu bewertenden Unternehmen kamen, als sogar auch von den Ratingagenturen selbst. Von diesem Verdacht gegenüber den drei Agenturen wird natürlich in der Öffentlichkeit nicht laut gesprochen.
Man muss sich jedoch die Interessenkonflikte vor Augen führen, die daraus resultieren, dass die Schuldner die Gebühren der Bewertung zahlen und nicht die Investoren. Eine schlechte Einstufung oder sogar eine Herabstufung bedeutet für die Schuldner einen Verlust in barem Geld, denn die Zinslasten für die Kredite oder die Verkäuflichkeit der angebotenen "Finanzprodukte" hängt von einer möglichst guten Bewertung ab. Ratings haben häufig sogar einen existenziellen Status für die zu bewertenden Unternehmen oder für die Produkte.

Das hat im Rahmen der Finanzkrise zu einer zunehmenden Kritik an den Ratingagenturen geführt. Ihnen wird mit Recht vorgeworfen, dass sie zu gute Bewertungen für sehr viele "Finanzprodukte" vergeben haben, weil sie nur die Aufträge wollten.
Der von ihnen dadurch verursachte Schaden wurde und wird von Millionen von Sparern, Gebietskörperschaften und anderen Gläubigern getragen, ohne dass sich die teilweise kaltschnäuzigen Versager und wahrscheinlichen Betrüger in diesen Instituten verantwortlich fühlen. Natürlich gibt es auch in diesen Agenturen auch ehrliche und verantwortlich handelnde Menschen.
Die Ratingagenturen sind bisher noch nicht für den von ihnen verursachten Schaden zur Rechenschaft gezogen worden – vielleicht auch deshalb, weil sie eine Macht darstellen, vor der sogar die Staatsmänner/-frauen in Europa zittern.

Sie treiben zur Zeit ein frivoles Spiel mit der Bewertung von Staaten. Es kann vielleicht sogar in dem einen oder anderen Fall sein, dass das aktuelle Rating objektiv richtig ist. Jedoch ist der Zeitpunkt und / oder sind die Begleitumstände der Veröffentlichung der Bewertung häufig so, dass viele fachkundige Beobachter der Szene mit Recht der Ansicht sind, dass damit bestimmte Zwecke verfolgt werden:
Sei es, um den Euro zu manipulieren und der von den US – Amerikanern ungeliebte EU Schwierigkeiten zu machen. Je stärker die EU und der Euro, umso leichter kann Europa sozusagen mit der strauchelnden Weltmacht auf Augenhöhe umgehen.
Sei es, um den verschiedenen Gruppen von Spekulanten die Möglichkeit zu eröffnen, auf Kosten der europäischen Länder Gewinnoptimierungsstrategien zu "fahren".

Deshalb werden die Stimmen immer lauter, die eine Zerschlagung dieses mächtigen Oligopols fordern, mindestens eine Abkehr von der sklavischen Unterwerfung unter deren Urteil.
Eine alternative Forderung dazu ist Gründung einer "europäischen, nicht gewinnorientierten Ratingagentur", wie sie der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger angesichts der griechischen Finanzkrise 2009/2010 forderte.

Nach dem oben zitierten Beitrag von Wikipedia wurde "als erste und derzeit einzige europäische Ratingagentur die Euler Hermes Rating GmbH im November 2010 von der BaFin und der CESR ( Committee of European Securities Regulators ) anerkannt und registriert.
Für spezielle Formen der Risikobewertung wurden zusätzlich noch andere Rating – Agenturen in Deutschland anerkannt – jedoch noch nicht gemäß neuer EU – Verordnung.

Man mag nicht glauben, dass es nur die schwerfällige EU – Administration ist, warum man in der EU noch nicht weiter damit gekommen ist, eine ebenso mächtige und gleichermaßen seriöse Ratingagentur in EU – Europa zu schaffen, die das Oligopol der amerikanischen Bewertungsunternehmen ablösen könnte. Denn: Man brauchte nur die oben genannten Ansätze mit der geballten Macht der EU unterstützen.
Vielmehr deutet alles darauf hin, dass sich die amerikanischen Ratingagenturen mit allen Mitteln wehren und dieses verhindert haben – natürlich nicht in aller Öffentlichkeit.

Nunmehr hat sich die luxemburgische EU – Kommissarin Viviane Reding stark gemacht, eine mächtige europäische Ratingagentur zu entwickeln und sie mit Hilfe eines entsprechenden Regelwerks mit der entsprechenden Durchschlagkraft auszustatten. Die Deutsche Zentrumspartei wünscht ihr viel Erfolg in der Umsetzung ihrer Ankündigung, die amerikanischen Rating – Agenturen zu entmachten und eine mächtiges seriöses, europäisches Bewertungsinstitut zu schaffen.