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Schon wieder Kurpfuscherei ? |
Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 22.07.2011
Wenn in einem Arbeitszeugnis für einen Mitarbeiter nach dem Ausscheiden die Formulierung "...hat sich bemüht..." zu lesen ist, weiß zwischenzeitlich jeder, dass er dem Arbeitgeber den Eindruck vermittelt hat, dass er sich ( vielleicht ) bemüht hat – dass aber daraus nichts geworden ist. Der beurteilte Arbeitnehmer war demnach ein Versager. Gilt das auch für die Regierungschefs der Euro – Länder, die sich gestern um den Patienten Griechenland geschart haben ?
Wenn es auch an dieser Stelle nicht opportun erscheint, die Details der gestrigen Einigung der Regierungschefs zu Griechenlandpleite wiederzugeben, verbleibt bei dem informierten deutschen Steuerzahler der schale Geschmack, dass wir endgültig in einer europäischen Transferunion angekommen sind. Die neuen Aufgaben des Europäischen Rettungsfonds ( EFSF ) führen zu weitreichenden Verpflichtungen der starken Geberländer für die schwachen und unsoliden Partner; beispielsweise garantieren sie zu einem großen Teil die Rückzahlung der Schulden Griechenlands. Noch schlimmer erscheint aber, dass nach dem zweiten Rettungspaket uns ein Dauerstreit ins Haus steht : Alle drei Monate wird darüber zu entscheiden sein, ob dieses Land die nächste Zahlung aus dem Hilfspaket verdient hat. Das aber wird auf mögliche Investoren nicht beruhigend wirken. Sie werden mit Recht weiter fürchten, dass der "Haircut", also der große Schuldenschnitt, noch kommt. Und sie werden kein Risiko eingehen – also nicht investieren.
Darüber hinaus haben zwischenzeitlich die Europäer lernen müssen, dass die Zahlungsbilanzschwierigkeiten Griechenlands in Wirklichkeit nur der Ausdruck eines für die griechische Gesellschaft lebensbedrohlichen Mangels sind. Das führt zunächst dazu, dass Griechenland nicht konkurrenzfähig ist. Es hat sich zwar in der Vergangenheit durchgewurstelt - letztlich meistens auf Kosten der anderen Europäer.
Diese volkswirtschaftliche Seite ist aber nur ein Ergebnis eines lebensbedrohlichen Mangels der griechischen Gesellschaft, nämlich, dass es ihr an bürgerlichem Gemeinsinn fehlt – eine Voraussetzung, ohne die kein Staat auf Dauer existieren kann. "Fünfhundert Jahre osmanische Unterdrückung hatten ein ausgepresstes Land ohne eigene wirtschaftliche Perspektive hinterlassen, ohne Infrastruktur, ohne Bildungseinrichtungen. Der Unabhängigkeitskrieg der Griechen hatte sich letzten Endes an der Steuerlast entzündet. Die zu schultern waren die Griechen nicht bereit. ‚Ein Bewusstsein dafür, dass das Gemeinwesen nur dann funktionieren kann, wenn alle mitzahlen, gab es nicht.‘ sagte die Historikerin Korinna Schönhärl. Wenn man dieses Zitat aus der WELT AM SONNTAG Nr. 27 am 3.Juli 2011 S. 35 liest, kommt einen alles sehr bekannt vor, auch wenn der Aufsatz sich mit der jüngeren griechischen Geschichte unter dem Titel "Athen am Abgrund – anno 1893" befasst. Also – alles schon einmal da gewesen!?
Lesern mit noch ausgeprägteren Sinn und Vorkenntnissen in Geschichte könnte man an dieser Stelle leicht darlegen, dass das Verhalten, was die Griechen gegenüber der EU gezeigt haben, bis in antike Zeit zurück reicht. Ein im weiteren Sinn dazu gehörenden Beitrag finden Sie beispielsweise unter "War die EU genau so dumm wie seinerzeit die Trojaner ?" vom 11.05.2011.
Betrachtet man die Geschehnisse unter einem noch anderen Aspekt, fällt einem sehr schnell ein anderer Vergleich ein, nämlich der Vergleich Griechenlands mit einem Alkoholiker. Dieser brauchte über lange Zeit für sein Wohlbefinden – vielleicht sogar für seine blanke Existenz – die Flasche Alkohol, die ihn auch wirtschaftlich ruiniert hat. Sie soll ihm jetzt entzogen werden; das führt zu einer existentiellen Krise. Wenn jetzt wohlmeinende Verwandte alles für den "Armen" tun, ihm weitere Mittel für neue Flaschen zur Verfügung stellen, wird in Wirklichkeit die mögliche Genesung verzögert. Helfen würde – so erfahrene Sozialarbeiter – nur der absolute Zusammenbruch des Süchtigen. Danach müsste man dem Süchtigen dabei helfen, sich langsam aus seiner Situation zu befreien und "trocken" zu werden. Auf Griechenland bezogen wäre es der Absturz in die Insolvenz gewesen. Das konnten die anderen Euroland Europäer aus vielerlei Gründen nicht zulassen.
Die Deutsche Zentrumspartei meint zwar auch, dass Europa Griechenland nicht fallen lassen durfte. Vielleicht hätte man aber mehr der Linie folgen sollen, die der neue Bundesbank – Chef Weidmann bis vor einigen Tagen kreierte, indem er vor "Milde für Griechenland (warnte)" (Spiegel Online v.17.07:2011). Es gäbe viel zu wenig Druck, um die griechische Gesellschaft mit dieser desolaten Denk- und Verhaltensstruktur zu der notwendigen Mindestdisziplinierung zu zwingen. Es ist vielmehr zu befürchten, dass die ratlosen Verwandten Griechenland wieder mit neuen Suchtmitteln versorgt haben, die das Land dafür schützen, sich endlich mit aller Kraft an die Bewältigung seiner Probleme zu machen. Es waren beim Patienten Griechenland also tatsächlich Kurpfuscher am Werk.
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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 23. Juli 2011 um 08:42 Uhr |