Matthias Erzberger am 26. August 1921 von Rechtsextremisten ermordet.

Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 26.08.2011

Unerklärlich bleibt, warum der große Zentrumspolitiker Matthias Erzberger ( geboren am 20. September 1875 in Buttenhausen, Königreich Württemberg ) in dem kollektiven Gedenken der Deutschen Nation an seine Kämpfer und Märtyrer für eine friedliche, humane und soziale Zukunft unseres Volkes derartig wenig Beachtung gefunden hat und weiter findet.

Versuchen wir, uns das zu erklären, und begeben wir uns auf Spurensuche:
Für die rechte Kamarilla im Kaiserreich war er schon früh zum Hassobjekt geworden, als er als damals jüngster Abgeordneter des DEUTSCHEN ZENTRUMs für den Wahlkreis Württemberg 16 ( Biberach, Leutkirch, Waldsee, Wangen ) die Kolonialskandale ab1905 aufdeckte und maßgeblich dazu beitrug, dass die Regierung Bülow wegen der blutigen Niederwerfung des Aufstandes der Herero und Nama gemeinsam vom Zentrum und von den Deutschkonservativen 1909 gestürzt wurde. Es kam zu Neuwahlen zum Deutschen Reichstag.( sog. "Hottentottenwahlen"). Auch sein Einsatz zur Einführung einer Erbschaftssteuer zugunsten der Finanzierung von sozialen Projekten dürfte die Abneigung – ja den Hass - der "Rechten" und gleichzeitig finanziell Mächtigen auf ihn seinerzeit weiter gesteigert haben.
Er hat diese Steuer trotzdem 1919 als Finanzminister eingeführt.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges übernahm Erzberger die Leitung der Auslandspropaganda des Deutschen Reiches und richtete einen Auslandsgeheimdienst ein. Das führte dazu, dass er besonders gut über alles informiert war. Deshalb prangerte er zusammen mit Karl Liebknecht von der SPD / USPD öffentlich die passive Haltung Deutschlands gegenüber der verbrecherischen Politik des türkischen Verbündeten hinsichtlich der nichtmuslimischen Bevölkerung im osmanischen Reich an. Es ging dabei besonders um die Verfolgung der Griechen und den Völkermord der Türken an den Armeniern und Aramäern. Mehrfach reiste er vergeblich deshalb zu den Jungtürkischen Machthabern nach Konstantinopel.
Ganz sicher hat er sich dabei nicht nur bei den türkischen Verantwortlichen für diese Massenmorde sondern auch bei den feigen deutschen Mitwissern neue Feinde geschaffen.

Als Verrat haben diese rechtsextremistischen Kreise seinen Einsatz während des Ersten Weltkrieges für einen "Verständigungsfrieden" aufgefasst: Am 6. Juli 1917 forderte er in einer Reichstagsdebatte, Deutschland müsse auf Annexionen verzichten. Daraufhin stimmte am 19. Juli 1917 die Mehrheit des Reichstags der von ihm in diesen Sinne eingereichten Friedensresolution zu.
Wir wissen, dass am Ende die Kriegspartei ( übrigens nicht nur in Deutschland ! ) bis zum bitteren Ende des Ersten Weltkrieges die Oberhand behielt.

Eine weitere Steigerung des Vorwurfs, ein Verräter an "der deutschen Sache" oder des deutschen Vaterlandes zu sein, ergab sich daraus, dass Matthias Erzberger Anfang Oktober 1918 von dem neuen Reichskanzler Prinz Max von Baden zum Staatssekretär ohne Portefeuilles und zum Leiter der Waffenstillstandskommission berufen wurde. Auf ausdrücklich Wunsch des eigentlich Verantwortlichen Paul von Hindenburg hin unterzeichnete er in dieser Funktion am 11. November 1918 als erster der vierköpfigen deutschen Delegation den Waffenstillstand von Compiegne. Die feigen Verlierer Ludendorff und Hindenburg brauchten sich dadurch die Hände nicht schmutzig zu machen.
Aber: Damit waren die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges beendet und damit das sinnlose Sterben.

Im Januar 1919 in die Weimarer Nationalversammlung gewählt, wurde Erzberger im Kabinett Scheidemann ( SPD ) zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich und zum Chef der Waffenstillstandskommission der Reichsregierung ernannt. Er hatte die Durchführung des Waffenstillstandes zu überwachen.
Da er zudem auch noch schweren Herzens die Annahme des Versailler – Vertrages befürwortete, um die Aufteilung Deutschlands zu verhindern, geriet er in scharfen Gegensatz zu rechtskonservativen Ministern und der gesteuerten öffentlichen Meinung. Er wurde als Erfüllungspolitiker verunglimpft.

Unter Reichskanzler Gustav Bauer ( SPD ) wurde er am 21.Juni 1919 Finanzminister und baute die Steuerverwaltung neu auf – und zwar in der Form des heute noch vorhandenen deutschen Steuersystems ( beispielsweise einschließlich der Einführung des direkten Lohnsteuerabzuges ). Dieses und die Zentralisierung der Steuereinnahmen sowie die Belastung größerer Vermögen zur Sanierung der Reichsfinanzen steigerte den Hass der Rechten und der Vermögenden auf ihn und machte ihn zur "Hassfigur rechter Propaganda" ( siehe Wikipedia ).

Dass dieser Hass auf seine physische Vernichtung zielte, musste er am 26. Januar 1920 erleben, als ein Attentatsversuch auf ihn verübt wurde. Trotzdem bemühte er sich weiter darum, die Aufgaben zu bewältigen, die er sich selbst gesetzt hatte und für die seine Partei, die DEUTSCHE ZENTRUMSPARTEI; stand und steht: Eine soziale, humane Gesellschaft auf dezidiert christlich - abendländischer Basis zu schaffen.
Am 26. August 1921 wurde er dann von den rechtsextremistischen Freikorpsangehörigen Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz bei einem Spaziergang im Schwarzwald in Bad Griesbach abgefangen und erschossen. Sein Parteifreund Carl Diez, mit dem er diesen Spaziergang unternahm, wurde schwer verletzt.
Seine Mörder wurden zunächst amnestiert, überlebten den Zweiten Weltkrieg und wurden nach dem 2. Weltkrieg zu läppischen Freiheitsstrafen für ihre Tat verurteilt und 1952 entlassen.

Dieser Matthias Erzberger war ein Mann aus einfachen Verhältnissen, hatte sich zunächst über das Lehrerseminar im Saulgau 1894 zum Volksschullehrer ausbilden lassen. Nach Tätigkeiten in diesem Beruf studierte er Staatsrecht und Nationalökonomie und arbeitete als Redakteur für das katholische Deutsche Volksblatt.
Er war klug, fleißig und strebsam und orientierte sich auch als Person an dem, was man im besten Sinne als wertkonservativ nennen kann.

Er war es, der sich im besten Sinne als deutscher Patriot verstand – und es bestimmt auch war - , der aber von seinen rechten und rechtsextremen Gegnern – und damit den Gegnern einer sozialkonservativen Demokratie auf dezidiert christlicher Grundlage - als Verräter beschimpft und schließlich von ihnen ermordet wurde.

Nicht nur wir, die DEUTSCHE ZENTRUMSPARTEI, gedenken seiner.
In verschiedenen Städten und Gemeinden Deutschlands tragen Straßen seinen Namen – sowie auch eine Schule in seiner Heimat. Gemessen an seiner Persönlichkeit und seiner Leistung ist das aber nicht sehr viel.
Ab heute, dem 26.08.2011, trägt zusätzlich der Festsaal des Bundesfinanzministeriums in Berlin den Namen "Matthias – Erzberger – Saal".
Zu schade ist, dass in unserer geschichtsvergessenen Zeit das Gedenken an diesen großartigen Humanisten und Demokraten nicht breitflächiger ist. Er und unser Gemeinwesen hätten es verdient

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 28. August 2011 um 07:11 Uhr