Jagd auf Kopten in den Straßen von Kairo

Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 11.10.2011

Seit Sonntag, den 09.10.2011, erreichen uns beunruhigende Nachrichten über die zunehmende Christenverfolgung in Ägypten.
Zwischenzeitlich werden über die Medien immer mehr Details über die schlimmen Vorkommnisse in Kairo bekannt. Einen besonders lebendigen Eindruck darüber aus koptischer Sicht vermittelte uns das Interview des Generalbischofs der koptischen Kirche für Deutschland, Anba Damian, am 11.10.2011 im Deutschlandfunk.

Zunächst ein paar Fakten:
Die Kopten sind sozusagen die Nachkommen der alten Ägypter, die sehr früh christianisiert wurden. Als Gründer der koptischen Kirche gilt der Evangelist Markus, Bischof von Alexandria. Im vierten Jahrhundert war Ägypten wohl flächendeckend christlich. Das änderte sich erst durch die muslimische Eroberung im Jahre 642, der eine massive Einwanderung von Arabern und systematische Islamisierung des Landes sowie Arabisierung mit allen Mitteln folgte. Dass es angesichts dieser Umstände heute noch über 8 Millionen Kopten ( also mindestens 10 % der Bevölkerung von gut 82 Millionen ) gibt, ist – wie Bischof Damian vor einiger Zeit in Hamburg sagte – "ein Wunder"!
( Hierzu siehe den Beitrag vom 03.01.2011:"Viele koptische Opfer des islamistischen Terrors in der Neujahrsnacht")

Sie sind immer wieder Opfer besonders jenes steinzeitislamistischen Mobs geworden, wurden aber durch die große Mehrzahl ihrer islamischen Nachbarn und Gebildeten als Teil der ägyptischen Gesellschaft gesehen und beschützt worden.
Diese begrenzte Toleranz galt auch für die Herrscher über Ägypten. Allerdings haben sie – wie beispielsweise in der Spätzeit der Mubarak – Herrschaft ( siehe der Beitrag vom 03.01.2011 ) – für die Gewaltherrscher Ägyptens als Sündenbock für eigenes Versagen und eigene Verfehlungen herhalten müssen.

Der Ablauf der schlimmen Ereignisse am Sonntag – Abend ist bekannt: Tausende von Kopten, denen sich auch bis etwa 20 % ihrer islamischen Nachbarn anschlossen, protestierten in Kairo gegen die Repressalien in den letzten Wochen gegen Kopten, als sie der zahlenmäßig weit überlegene steinzeitislamistische Salafisten - Mob - mit Knüppeln und Steinen bewaffnet – angriff und gnadenlos niederzuknüppelte. Das Militär griff ein – aber nicht auf der Seite der koptischen Opfer – sondern auf der Seite der islamistischen Schlägertrupps. Auf eingespielten Videos ist zu erkennen, wie Armeefahrzeuge in die Menge der friedlichen christlichen Demonstranten fuhren und dabei Menschen überfuhren, schwer verletzten oder töteten.
Über die wirkliche Anzahl der Verwundeten und Getöteten ist wenig bekannt, in dem genannten Interview vermutete der koptische Generalbischof Anbar Damian, dass die Anzahl der optischen Opfer sehr viel höher sei als bisher zugegeben wurde. Zur Zeit wird von 22 toten Kopten und von vier Soldaten (???) gesprochen und von einer unzähligen Anzahl von Verwundeten. Wie es zu den angeblich getöteten Soldaten kommt, ist unklar. Jedoch ist nicht ganz ausgeschlossen, dass sich die jungen männlichen Kopten gewehrt haben.

Bischof Damian forderte – nach Ansicht der DEUTSCHEN ZENTRUMSPARTEI mit Recht -, dass Deutschland und die EU massiv von der ägyptischen Militärregierung die Respektierung der Menschenrechte für alle Ägypter einfordern muss. Die Repräsentanten der ägyptischen Regierung müssten entsprechend einbestellt und belehrt werden.
Es sieht so aus, als ob dieses bereits geschehen ist. Allerdings kann man angesichts der deutschen Leisetreterei in der Außenpolitik nicht sicher sein, wie es geschah.

In den Medien wird zur Zeit darüber spekuliert, was das Verhalten der Militärregierung in Ägypten dabei bestimmt hat und noch bestimmt. War und ist der Druck der Steinzeitextremisten auf sie schon so stark, dass sie den Schutz der Kopten nicht wagten? War man vielleicht schon selbst von deren blindwütigen Christenhass der Islamisten angesteckt und hat das deshalb alles gewähren lassen ? Oder wollte man bewusst mehr Unruhe und mehr Chaos im Land, um eine echte Demokratisierung zu verhindern ?
Bekanntlich wird der Ruf der einfachen Menschen nach der starken Hand – hier also der Armee - bei steigender Unsicherheit immer lauter. Das würde der Armee gut passen, denn sie muss eine echte Demokratisierung fürchten, da sie sonst alle ihre Privilegien in Ägypten verlieren würde.
Egal – was immer die Beweggründe waren – die Armee und die Übergangsregierung haben schon Vertrauen verloren.

Ohnehin müssen sich die vielen Gutwilligen bei uns fragen, ob sie nicht zu naiv waren, als sie meinten, dass die arabischen Rebellionen zu mehr Chancen für Demokratie und zu mehr Achtung der Menschenrechte in diesen Ländern führten. Sie sollten ihre Träume an den Realitäten messen.
Ganz besonders ärgerlich ist in diesem Zusammenhang, dass von den Muslimen in Deutschland wieder einmal nichts zu hören ist: Weder ein Protest gegen das Geschehene – noch eine Solidaritätserklärung zugunsten der koptischen Opfer. Sie zeigen viel weniger Mitgefühl als diejenigen Muslime, die seinerzeit in Kairo gemeinsam mit den Kopten demonstrierten.

Manchmal beschleicht den christlichen Beobachter das schlimme Gefühl, dass viele Muslime in unserem Lande so etwas wie eine "klammheimliche Freude" zu dem Geschehenen empfänden.