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Dr. Klaus Wieser, Landesverband Hamburg, 18.01.2012
Die Havarie der "Costa Concordia" vor der Mittelmeerinsel Giglio hat ein Schlaglicht auf eine boomende Branche geworfen, die nicht nur allen direkt oder indirekt Beteiligten schöne Gewinne, interessante Arbeitsplätze oder neuartige Formen der Urlaubsgestaltung beschert, sondern auch eine Menge Probleme. Will man diese Probleme systematisieren, liegt es nahe, sie in zwei Gruppen einzuteilen: 1. den Größen bzw. Mengenfaktor und 2. den "menschlichen Faktor".
Zu 1: Die Kreuzfahrtschiffe sind reine Monster. Beispielsweise hat die mit einer Bruttoraumzahl von 225 282 BRZ vermessene "Oasis of the Seas, Allure of the Seas" eine Länge von 329 Metern. Zwar ist die "Queen Mary2" mit 345 Metern ( 148 528 BRZ ) noch länger, aber sie bietet nur Platz für 2.592 Passagiere, dagegen passen auf die "Oasis of the Seas" 5.400 Gäste. Allein die schiere Größe der Schiffe und die hohe Anzahl der Menschen, die als Passagiere und als Besatzungsmitglieder, ein derartiges Schiff bevölkern, können eine Menge logistischer Probleme verursachen und auch eine schwere Belastung für die populärsten Destinationen bedeuten.
Nehmen wir das Beispiel Hamburg:
Für das Jahr 2012 werden etwa 150 Kreuzfahrt - Abfahrten von AIDA, Cunard, Costa, MSC, Deilmann oder Hapag-Lloyd geplant, unter anderem mehrere Abfahrten der "Queen Mary2" (Cunard-Line). Nachdem ein zweiter Kreuzfahrtterminal gebaut wurde, hat der Hamburger Hafen (vorerst) genug Kapazität. Eine so große Metropole wie Hamburg wird auch mit zwei großen Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig mühelos fertig, auch wenn durch die mit Bussen betriebenen "Landgänge" der Passagiere kurzzeitig Staus auftreten können.
Jedoch: Die Schiffe benötigen riesige Mengen Strom, der durch die eigenen Schiffs - "diesel" - motoren hergestellt wird. Dieser " Diesel" ist in Wirklichkeit Schweröl, das aus den Abfallprodukten der Erdölverarbeitung gewonnen wird. Es versteht sich, dass die Umgebungen der beiden Kreuzfahrtterminals entsprechend kontaminiert werden, nachdem eines jener Schiffsmonster mit rörenden Motoren angelegt hat. Hamburg wird sich wohl bald mit den Reedereien über eine andere Art der Stromversorgung einigen müssen – wahrscheinlich mit Landstrom. Es entstehen außerdem weitere Probleme, wenn die Schiffsdiesel gestoppt werden usw. Zwar gibt es auch mit den vielen riesigen Frachtschiffen und ihren Dieseln Probleme, aber deren Kais liegen ein Stück aus dem eigentlichen Stadtgebiet heraus entfernt und sie brauchen nicht entfernt soviel Strom wie die Kreuzfahrtschiffe.
Dass allein die Größe der Schiffe und die Menge der Passagiere sowie Besatzungsmitglieder im Notfall sogar dann zu einem fast unlösbaren Problem wird, wenn die Besatzung gut ausgebildet und organisiert ist und sich der Kapitän und seine Offiziere verantwortlich und gleichzeitig professionell verhalten, wird von allen Schiffssachverständigen immer wieder betont. Beispielsweise hätte eine Havarie der Costa Concordia in arktischen Gewässern wahrscheinlich auch unter idealen Bedingungen ( siehe oben ) ebenso Menschenleben gefordert.
Zu 2) Und damit sind wir auch schon bei dem zweiten, dem "menschlichen" Faktor: Keine noch so ausgefeilten Sicherheitseinrichtungen können Katastrophen verhindern, wenn sich die Verantwortlichen verantwortungslos verhalten bzw. unfähig sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass für die boomende Kreuzfahrtbranche auf allen Ebenen einfach nicht genug qualifiziertes Personal vorhanden ist.
Zwar haben sich beispielsweise Philippinos als Hilfspersonal bewährt, aber die Reedereien sparen an ihrer Ausbildung. Dazu kommen die Sprachprobleme. Wie bekannt, war die Hilflosigkeit der Besatzung in der Katastrophensituation eine der Ursachen, dass nicht alle Menschen überlebt haben, obgleich die See ruhig und das Land sehr nahe war.
Vor einigen Jahren gab es kurz eine Diskussion hinsichtlich der Zahl und der Qualität des maritimen Führungspersonals, das an deutschen Ausbildungseinrichtungen ausgebildet wurde. Diese kritische Diskussion ist eingeschlafen, was als gutes Zeichen bewertet werden kann. Andererseits sind die seemännischen Berufe schon von Alters her polyglott: Auf Schiffen deutscher Reedereien kommandieren Kapitäne und Offiziere aus der ganzen Welt. Wie kann es auch anders sein, denn am 31.12.2011 fuhren 530 Schiffe unter deutscher Flagge, 3.155 unter fremder Flagge - allein unter der Rechtsstellung "Bareboat – Charter".
In diesem Zusammenhang aber geht es nicht nur um die seemännischen Qualitäten des maritimen Führungspersonals sondern um die charakterlichen und um das Bewusstsein der Verantwortung für so viele Menschen, die der Kapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino, vermissen ließ. Die DEUTSCHE ZENTRUMSPARTEI fragt sich deshalb, was das für eine Reederei ist, die diesen Mann mit der Führung dieses Kreuzfahrtschiffes bestallt hat.
Die "Costa Concordia" gehört zur Reederei "Costa Crociere S.p.A."; diese ist ihrerseits indirekt Teil der "Carnival Corporation & plc". Es handelt sich dabei insgesamt um einen riesigen britisch – amerikanischen Konzern, das größte Kreuzfahrtunternehmen der Welt. Unter Tochtergesellschaften und unter den Marken Carnival Cruises, Holland-America Line, Cunard Line, Princess-Cruises, AIDA-Cruises usw. betreibt dieser Konzern weltweit etwa 100 Schiffe und hat 80.000 Mitarbeiter. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in Miami, Florida. Es wird erstaunen, dass zu diesem riesigen Reederei – Konzern auch die altehrwürdige britische Cunard - Line gehört, die beispielsweise die "Queen Mary2"betreibt, und auch die Marke AIDA-Cruises, die in Deutschland besonders bekannt ist.
Seemännische Kompetenz ist also massenhaft vorhanden – aber: Kann es sein, dass die schiere Größe dieses Reedereikonzerns es Menschen wie Francesco Schettino mit diesem hohen Grad von Verantwortungslosigkeit leichter gemacht hat, zum Kapitän dieses Riesendampfers aufzusteigen, obgleich ihm eine wichtige Qualifikation dafür fehlte ? Wir kennen diese Erscheinung in Wirtschaft und Verwaltung als "Peter – Prinzip", nämlich, dass jemand so lange befördert wird, bis er den höchsten Grad seiner Inkompetenz erreicht hat. Könnte es nicht so etwas auch in der Kreuz - Schifffahrt geben ?
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